Die Biografie zu Alexander Hayden Girard von Bianca Killmann für TAGWERC.

Biografie zu Alexander Hayden Girard

Alexander Hayden Girard kommt am 24. Mai 1907 in New York City zur Welt. Seine Eltern, Carlo Matteo Girard, ein Italiener mit französischen Wurzeln, und Lezlie, geborene Cutler, eine US-Amerikanerin, erziehen ihre Kinder zweisprachig (Italienisch und Englisch). Der von den Eltern ‚Sandro‘ genannte Alexander wächst zunächst mit Bruder und Schwester auf dem Familienanwesen ‚La Lucciola‘ bei Florenz auf. In Florenz handelt Girards Vater mit Antiquitäten. Die Idylle ist schlagartig vorbei, als der zehnjährige Alexander in ein englisches Internat geschickt wird. Die Bedford Modern School im gleichnamigen Ort, Hauptstadt der englischen Grafschaft Bedfordshire nördlich von London, besteht aus einer Grundschule, die Girard im letzten Jahr besucht, und einer Oberschule für Elf- bis Achtzehnjährige.

Exotische Artefakte

Das Wettschwimmen von der Bedford Town Bridge bis zur Bedford Suspension Bridge über etwa eine halbe Meile, das seinerzeit in dem Internat abgehalten und von den Schülern bestritten wird, ist für die meisten entmutigend. Das schuleigene Prichard Museum dagegen, aus dem das Bedford Museum hervorgeht, erweckt Girards Interesse. Es besteht seinerzeit größtenteils aus einer Sammlung von Gegenständen aus der ganzen Welt, die ehemalige Schüler an die Schule schicken, sowie einem Teil der Sammlung von George Witt mit exotischen Artefakten.

Republic of Fife

Auch Girard soll später zum Sammler exotischer, vor allem ethnischer Artefakte aus Mittel- und Südamerika sowie Asien werden, die ihm als Grundlage seiner Arbeit dienen. Doch im Internat flüchtet sich Girard erst einmal in seine Phantasie und in das von ihm erdachte Land ‚Republic of Fife‘ mit einer selbst entworfenen Flagge, Währung, Landkarten, Postwertzeichen, bei deren Gestaltung er unter anderem auf Wappenmotive aus Florenz zu Zeiten der Renaissance zurückgreift.

Studium der Architektur

Im Alter von 17 Jahren beginnt Girard an der Londoner ‚Achitectural Association School of Architecture‘ ein Studium der Architektur, welches er fünf Jahre später mit Auszeichnung abschließt. Es schließen sich zwei Jahre an der ‚Scuola Reale di Architettura‘ in Rom an und von 1932 bis 1935 ein Studium an der New York University, weshalb Girard in den USA als niedergelassener Architekt arbeiten darf.

Bereits zu Beginn seines Studiums in New York hatte Girard ein Büro für Design – ‚Design Office‘ – im New Yorker Stadtteil Manhattan eröffnet und verkauft bis zum Jahre 1937 Einrichtungsobjekte an eine Kundschaft, die sich sowohl aus Privatpersonen als auch aus Einzelhändlern und Restaurantbesitzern bildet. Bereits durch die Gestaltung der Ausstellungsräume der Gilde der Kunsthandwerker in Florenz im Rahmen der Weltausstellung in Barcelona, für welche er eine Auszeichnung erhält, hatte Girard 1929 seine Leidenschaft für Inneneinrichtung entdeckt.

Prosit im Café Trouville

So ist Girard sofort begeistert als er 1934 mit der Gestaltung des ‚Café Trouville‘ in der New Yorker 112 East 52nd Street beauftragt wird. Eine französisch-italienische Küche wird vor der Kulisse europäischer Städte serviert, deren Ansichten die Wände zieren. Das Café Trouville ist klimatisiert und macht sich als Restaurant, Bar und Cocktail Lounge einen Namen. Die internationalen Gäste finden den Trinkspruch „Prosit“ in zwanzig Sprachen auf Gläsern und Tischen.

Von Tortillas und Tenderloin

Im Laufe seines Schaffens trägt Girard zu einer Reihe von Inneneinrichtungsprojekten für den Einzelhandel und Restaurants bei, wobei auffällt, dass Girard – wie zuvor während seiner Schulzeit in England – eigene Welten kreiert, in die der Kunde bzw. Gast buchstäblich eintaucht. In diesem Zusammenhang hervorzuheben ist das Restaurant ‚La Fond del Sol‘ im Time & Life Building, welches von 1960 bis 1971 in New York City „from Tortillas to Tenderloin“ das Beste der mittel- und südamerikanischen Küche offeriert. Neben dem Motiv der Sonne in allen erdenklichen Ausführungen, sind es geometrische Muster – Quadrate, Kreise, Rauten, Streifen, etc. – die Servietten, Streichholzschachteln und die Bekleidung des Personals zieren. Ein in das Restaurant integriertes Lehmhaus erinnert an Girards eigenes Haus in Santa Fe. Es ist an Authentizität und Einzigartigkeit schwer zu überbieten.

Das Miller House

Bei Girards Gestaltung der Inneneinrichtung für private Domizile ist vor allem das Haus von Joseph Irwin Miller, Präsident des Motorenherstellers „Cummins Incorporated“, und dessen Frau Xenia Simons Miller hervorzuheben. Zum einen, weil es im Jahre 2000 zum „U.S. National Historic Landmark“ erklärt und nach dem Tod von Frau Miller im Jahre 2010 dem „Indianapolis Museum of Art“ gespendet wird. Zum anderen, weil sich Girard durch die Ausgestaltung seines Hauses dem wohl bekanntesten und einflussreichsten Förderer seiner Heimatstadt Columbus empfiehlt. Denn es ist Miller, der 1954 die „Cummins Foundation“ gründet, eine Stiftung, die ab 1957 alle Architektenhonorare für öffentliche Gebäude in Columbus übernimmt, weshalb Columbus vom „American Institute of Architects“ im Jahre 1991 zur sechstwichtigsten Stadt Amerikas in Bezug auf Architektur ernannt wird. In der Folge dieser Kostenübernahme durch die Cummins Foundation entstehen Gebäude, entworfen von Architekten mit Weltruhm wie Eero Saarinen, Gunnar Birkerts, Kevin Roche, Ieoh Ming Pei, Richard Meier, César Pelli, Skidmore, Owings & Merrill und Harry Weese. Bei vielen dieser Gebäuden ist es wiederum Girard, der für die Gestaltung der Inneneinrichtung verpflichtet wird und sich auf diese Weise ein ordentliches Portfolio an Referenzprojekten zu eigen machen kann.

Inside Miller House

Im Miller House, einem der bekanntesten amerikanischen Wohnhäuser im Mid-Century Modern Designstil, setzt sich der klare und geradlinige Architekturstil der Gebäudehülle im Innern fort. Gleichzeitig brechen die von Girard ausgesuchten und eingesetzten Textilien, Leuchten, Möbel und Ornamente diese Gradlinigkeit gekonnt auf und machen das Miller House zu einem behaglichen und wohnlichen Zuhause für die Familie Miller, die sich bei der Innengestaltung einbringt und sich in ihr wiederfindet. So sind die Kissen für die Esszimmerstühle mit den Initialen der Familienmitglieder geschmückt. Symbole, die an Vorlieben der Familie und an die Familiengeschichte angelehnt sind, sind in einem Teppic h verewigt. Eine gut 15 Meter lange Einbauwand, bestehend aus Bücherregalen, Nischen und Schränken bietet beides: Platz für Objekte, die Ausgestellt werden sollen und Gegenstände, die vor den Blicken der Besucher verborgen bleiben. Die Idee für eine „Konversationsgrube“ statt einer Sitzgruppe im Wohnzimmer wird Girard zugeschrieben. Diese Grube besteht aus einem in den Boden eingelassenen Quadrat, welches die auf diese Weise „tiefergelegten“ Sitzbänke einfriedet. Keine pompösen Sofas und Sessel, sondern in den Boden eingelassene Sitzbänke, die die Geradlinigkeit der Architektur verstärken. Girard soll sie den Millers vorgeschlagen haben, um den Blick auf den Garten nicht zu verstellen. Denn auch der Garten ist ein Beispiel ausgefallener und aufwändiger Landschaftsarchitekur, für den sich der Landschaftsarchitekt Dan Kiley verantwortlich zeichnet.

Wohnlabor in Santa Fe

Im selben Jahr, in dem mit dem Bau des Miller House begonnen wird, zieht Girard nach Santa Fe. Die Hauptstadt des US-Bundesstaates New Mexico ist bekannt für seine kreative Szene, bestehend aus Kunsthandwerkern, Malern, Musikern. Hier, am Fuße des Gebirges Sangre de Cristo, in Nachbarschaft spanisch-mexikanischer Architektur und Gebäuden im Pueblo-Stil wird Girard bis zu seinem Tode 1993 wohnen bleiben. Hier, verbringt er seine wohl kreativsten Jahre in einem rund 200 Jahre alten Lehmhaus, das er 1953 erwirbt, bewohnt und gleichzeitig als eine Art „Wohnlabor“ nutzt. Denn immer wieder gestaltet Girard sein Haus in den vierzig Jahren um, verändert Inneneinrichtung, Wohnaccessoires und Wandfarbe. Bis heute ist Girards Residenz in Santa Fe ein einzigartiges Artefakt für kreatives Wohnen und Bilder davon sind in zahlreichen Architektur-, Innenarchitektur- und Modezeitschriften zu finden. Gleichzeitig nutzt Girard seinen Stil als Vorlage für eine Reihe weiterer Projekte, im Jahre 1957 unter anderem für die private Residenz des Regisseurs Billy Wilder in Los Angeles.

Möbelhersteller Herman Miller

Noch in Michigan hatte Girard im Herbst 1951 die Leitung der Textilabteilung beim amerikanischen Möbelhersteller Herman Miller übernommen. Die erste, von ihm verantwortet Textilkollektion kommt ein Jahr später auf den Markt. Es folgen rund 300 Muster für Tapeten und Stoffe aller Art in einer Zeitspanne von zwanzig Jahren. Die hochwertigen und strapazierfähigen Dekorations- und Posterstoffe zeichnen sich durch Colourblocking und die Kombination kräftiger Farben wie Rot, Violett und Orange aus – was damals eher unüblich ist. Hinzu kommen ethnische Symbole, Buchstaben, Musterklassiker und einfache, geometrische Formen wie Quadrate, Kreise, Dreiecke, die mitunter kombiniert werden. Musterklassiker wie „Pepita“, „Checker“ und „Minicheck“ werden teilweise bis heute von der New Yorker Textilmanufaktur „Maharam“ produziert und sind als Meterware und verarbeitet zu Wohnaccessoires bis heute erhältlich.

Während seiner Zeit bei Herman Miller arbeitet Girard mit Designern wie George Nelson und Ray und Charles Eames zusammen. Viele dieser Begegnungen gehen über die Arbeit für Herman Miller hinaus. So unterstützt Girard das Ehepaar Eames beispielsweise im Jahre 1957 bei ihrer Produktion eines Dokumentarfilms zum mexikanischen „Dia de los Muertos“.

Sammler von Volkskunst

Alexander Girard und seine Frau Susan sind fanatische Sammler ethnischer Volkskunst. Diese Passion beginnt bereit in den späten 1930er Jahren und endet schließlich erst mit dem Tode Girards. Auf ausgiebigen Reisen durch Mittel- und Südamerika sowie Asien tragen die Gerards weit mehr als 100.000 Artefakte aus rund einhundert Ländern zusammen: Figuren, Stoffe, Schmuck, Spielzeug, Dekorationsobjekte und vieles mehr, die sie zunächst in ihrem Haus in Santa Fe ausstellten. Für diese Sammlung gründen die Girards 1962 die Stiftung „Girard Foundation“, die unter anderem rund 100.000 Objekte dem „Museum of International Folk Art“ in Santa Fe übergeben wird. Eigens für seine Sammlung entwirft Girard einen neuen Museumsflügel, da das Museum mit der Schenkung seinen Bestand auf einen Schlag verfünffacht und dadurch einen größeren Platzbedarf hat. Der Gebäudeflügel wird 1982 eröffnet und zeigt rund 10.000 Objekte der Sammlung Girard.

Arts of India

Aus Mitbringseln einer Indienreise im Jahre 1954 arrangiert Girard 1955 die Ausstellung „Textiles and Ornamental Arts of India“ für das Museum of Modern Art in New York. Als Blickfang fungiert ein 17 Meter langes Wasserbecken, das von zwölf goldene Säulen eingerahmt und mit Stoffbahnen überspannt ist. Mit 300.000 Besuchern wird die Ausstellung ein Erfolg und die Regierung Indiens unter dem Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru auf Girard aufmerksam. In 1965 folgt die Wanderausstellung „Nehru: His Life and His India“ im Auftrag der indischen Regierung, die das moderne Indien zeigen soll.

Murals und Panels

Im Jahre 1961 eröffnet Herman Miller seinen „Textiles & Objects“ Shop in New York. Girard wird mit der Ausstattung des Geschäftes betraut und präsentiert wieder seine Stoffe, Dekorationsartikel und Objekte der Volkskunst. Obwohl das Geschäft nur zwei Jahre geöffnet bleibt, erreichen Herman Miller und Girard dank einer Vielzahl an Presseberichten ein großes Publikum.

1962 und 1964 setzte Girard dreidimensionale Murals, eine Form von Wandgemälden, bei dem heute größten Grußkartenhersteller Amerikas, Hallmark Cards in Kansas City, und bei dem Landmaschinenhersteller John Deere in Moline, Illinois, ein. Eine etwa 60 Meter lange und drei Meter hohe Glasvitrine bestückt Girard mit Werbeanzeigen, Fotos, Briefen und anderen Exponaten, die die Firmengeschichte seit 1837 abbilden. 1965 erarbeitet Girard das Corporate Design für Braniff International Airways. Flugzeughülle, Innenraum, Lounges, Möbel, Spielkarten, Servietten – all das erhält die Handschrift Girards. Besondere Beachtung findet die Uniform der Stewardessen, die Modedesigner Emilio Pucci im Astronautenoptik designt.

Schließlich, inzwischen ist das Jahr 1971 angebrochen, stellt Girard seine sogenannten „Enviromental Enrichment Panels“ vor. Dabei handelt es sich um eine Art Paravents, mit Stoffen bespannte Elemente, die bestimmten Bereichen eines Raumes Privatsphäre verleihen sollen. Ein Jahr später, zum Valentinstag, folgt das Design „Love Heart“, das sich seitdem großer Beliebtheit erfreut.

Happy Honeymoon

Bereits während seiner Zeit in New York lernt Alexander Girard die drei Jahre jüngere Susan Needham kennen und lieben. Das Paar heiratet 1936 und bekommt zwei gemeinsame Kinder, Sohn Marshall und Tochter Sansi (1945). Kurz nach der Hochzeit zieht das Paar von New York nach Detroit, wo Girard 1937 zunächst eine Anstellung beim Inneneinrichter Thomas A. Esling bekommt. 1945 eröffnet Girard in dem Detroit Vorort Glosse Pointe ein Geschäft, in dem er Dekorationsfiguren und Spielfiguren ausstellt und verkauft. Von hier aus realisiert Girard einige prestigeträchtige Inneneinrichtungsprojekte und Ausstellungen: Kantine und Gehäuse für Radiogeräte für dem Radiohersteller „Deutrola“ in Dearborn (1943), Büroeinrichtung für die Ford Motor Company ebenfalls in Dearborn (1943), Cafeteria der Lincoln Motor Company in Detroit (1946). In Detroit plant Girard auch sein erstes, eigenes Haus, das er 1948 mit seiner Familie bezieht. Im Jahr darauf wird die Ausstellung For Modern Living im „Detroit Institute of Arts“ mit 150.000 Besuchern ein Erfolg. Hier werden unter anderem auch die Plywood Chairs von Ray und Charles Eames erstmals gezeigt. Neben den Eames’ sind es George Nelson und Eero Saarinen, zu denen sich eine Freundschaft entwickelt.

Die vier Elemente

Eine bis an sein Lebensende bleibende Basis findet Girard schließlich mit seinem Umzug nach Santa Fe. An diesem Ort sind alle Elemente lebendig: die „kristallklarer, frischer Luft“ (Element Luft), die heiße Sonne und Feuer, „die nach Weihrauch riechen“ (Element Feuer), den sagenumwobenen Rio Grande (Element Wasser) und den ockerfarbenen Boden und Lehmhäuser (Element Erde). Genau hier, an Silvester 1993, endet Girards Reise als er in seiner Wahlheimat Santa Fe stirbt. Drei Jahre später, 1996, folgt ihm seine Frau Susan.

Geblieben ist seine Sammlung, einige seiner Stoffe und Wohnaccessoires und ein Zitat, das die Motivation Girards auf den Punkt bringt: „Ich glaube, wir sollten diese Zeugnisse der Vergangenheit bewahren, nicht als Muster für sentimentale Nachahmung, sondern als Nahrung für den kreativen Geist der Gegenwart.“

Autor der Biografie: Bianca KILLMANN
Die Biografie ist urheberrechtlich geschützt.

Alexander Hayden Girard Design, das von Maharam hergestellt wird.